Valmont68
Forumseinsteiger

Ich bin Reenactor!
Beiträge: 3
|
Bei Schoeningh ist gerade eine Biographie Rüchels erschienen, des preußischen Heerführers in der Schlacht bei Jena am 14. Oktober 1806 (Olaf Jessen, "Preußens Napoleon?" Ernst von Rüchel. 1754-1823. Krieg im Lichte der Vernunft, Paderborn 2006). Sehr lesenswert, finde ich! Auszug: Die Familie stammt aus Pommern. Drei ältere Halbbrüder sterben in den Schlachten des Siebenjährigen Krieges. Der Vater, ein versehrter Major im Ruhestand, besitzt außer einigen Landhufen nur seinen altpreußischen Adel. Die Mutter kann sich immerhin rühmen, dass es der Sohn ihres ersten Gatten bis zum Außenminister gebracht hat: Ewald Friedrich Graf von Hertzberg nennt Rüchel scherzhaft seinen „Bruder“. Der Junge, von den Eltern ursprünglich für ein Theologiestudium bestimmt, kommt in das Berliner Kadettenkorps und wechselt 1771 als Fahnenjunker in ein Infanterieregiment nach Stendal. Dort fällt er General Friedrich von Saldern auf, dem einflussreichsten Verfechter „methodischer“ Kriegführung. Dank Salderns Empfehlung beruft Friedrich der Große den Siebenundzwanzigjährigen in seine engste Umgebung nach Sanssouci und erteilt ihm Unterricht in Strategie und Taktik. Als Rüchel dem König 1782 gegenübertritt, ist Friedrich eine europäische Berühmtheit; kein Wunder, dass der Monarch den jungen Mann in seinen Bann schlägt, zumal er ihn gegenüber anderen Offizieren bevorzugt: „Friedrich der Große behandelte mich wie einen Sohn “. Als Friedrich stirbt, reüssiert der „Johannes “ des Königs im Glanz der friderizianischen Legende. Rüchel reformiert das Militärbildungswesen sowie die Invaliden- und Offizierswitwenversorgung. Im Krieg gegen die Französische Revolution außer der Tour zum Generalleutnant befördert, gewinnt er unter Friedrich Wilhelm III. großen innen- wie außenpolitischen Einfluss, leitet mit der Militärischen Gesellschaft eine Vereinigung gelehrter Offiziere, der auch Scharnhorst, Boyen und Clausewitz angehören, trägt Verantwortung für sämtliche Militärerziehungsanstalten, kommandiert in Potsdam alljährlich die Großmanöver und sortiert als Gardeinspekteur das „Schaufenster“ des Heeres. Rüchel will die Kantonpflicht auf Großstädte ausweiten, plant als erster Offizier seit Ende des Siebenjährigen Krieges eine Landmiliz und verfasst grundlegende Weisungen für die „Immediat-Militär-Organisations-Kommission“, die über die Zukunft der Armee bestimmt. Seine ersten beiden Vorhaben scheitern am Widerstand ziviler Behörden. „Die preußische Militär Verfassung und Staats Wirthschaft“, so Rüchel, „ist ein ehrwürdiges Original, rührt man ein Glied an, so erhält die ganze lange Kette ... einen Schlag “. Er entwirft Instruktionen für eine Finanzreformkommission, die innenpolitisch wichtige Weichen stellt. Eher beiläufig gutachtet er, selbst Mitglied der Großen Landesloge, im Sinne eines Protektoriums für die Loge Royale York zur Freundschaft. Am Ende steht ein Edikt, dass die Beziehung des Staates zur Freimaurerei regelt. Rüchels besonderes Augenmerk gilt dem Offiziersnachwuchs. Er fördert Müffling, Knesebeck, Gneisenau und Yorck, kann aber Heinrich v. Kleist nicht davon abhalten, den Dienst zu quittieren - ein wahrhaft glücklicher Fehlschlag. Im Frühjahr 1806 stößt er zu den Falken um Prinz Louis Ferdinand, zieht als zweitjüngster preußischer Heerführer gegen Napoleon ins Feld und spielt in der Schlacht bei Jena eine entscheidende Rolle. Rüchel erreicht den Fürsten Hohenlohe, dessen Truppen bei Vierzehnheiligen verbluten, nicht mehr rechtzeitig. So schlägt Napoleon erst das Heer des Fürsten und danach auch die Verbände Rüchels. Der König verliert seine Bataille; Rüchels Einfluss erreicht seinen Zenit: Während sich die Reste des geschlagenen Heeres östlich der Weichsel abermals zum Kampf stellen, sehen manche im neuen Generalgouverneur der Provinz Preußen nun gar den eigentlichen Souverän . In Königsberg leitet Rüchel die Hartungsche Zeitung und entlässt Johann Gottlieb Fichte, ihren bisherigen Zensor. Er unterstützt das Marwitzsche Freikorps, in dem auch Bürgerliche Offizier werden können, entwirft Pläne für einen Volksaufstand und schlägt sich im Kampf gegen die Kabinettsregierung auf die Seite von Stein und Hardenberg. Ende 1806 wird er zum Kriegsminister ernannt. Doch während der Friedensverhandlungen in Tilsit besteht Napoleon auf Rüchels Entlassung. Als „Amtmann Wilde“, gesucht mit kaiserlichem Haftbefehl, treffen wir ihn 1809 im Prager Exil des Kurfürsten von Hessen-Kassel. Dort bittet Rüchel vergeblich um finanzielle Unterstützung für einen Volksaufstand. Er verschweigt Friedrich Wilhelm III. die Pläne Ferdinand von Schills, des Verlobten seiner Tochter, der an der Spitze des „Brandenburgischen Husarenregiments“ aufbricht, um auch ohne Billigung des Königs eine Erhebung anzuzetteln. Das Wagnis schlägt fehl; Schill stirbt bei Straßenkämpfen in Stralsund. Doch vier Jahre später, als alle rufen, kommt der König endlich auch. In den dramatischen Wochen des Frühjahrs 1813, die dem Ausbruch der „Freiheitskriege“ vorangehen, folgt Rüchel dem preußischen Hof nach Breslau, bittet vergeblich um ein Kommando und kehrt enttäuscht nach Pommern auf sein Gut Haseleu zurück. Rüchels Leben endet in Verbitterung. Als Napoleon gestürzt ist, müht er sich auf Wunsch seines Duzfreundes Blücher schwerkrank nach Berlin, um hinter einem Fenster des Kronprinzenpalais die Siegesparade der aus Frankreich heimgekehrten Truppen zu verfolgen. Er hinterlässt den Eindruck eines lebenden Fossils. Philippine, seiner Frau, vererbt Rüchel die schlichte Reiseuhr, die ihm Friedrich einst geschenkt hat. Sie ist, seltsam genug, noch heute im Besitz der Nachfahren. Alljährlich setzt ein Uhrmacher die alte Mechanik für kurze Zeit wieder in Bewegung: am 24. Januar, dem Geburtstag Friedrichs des Großen.
|